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Ottweiler

Witwenpalais

Baugeschichte, Architektur:
Am Ende der ehemaligen „Neumünster Vorstadt“, der heutigen Wilhelm-Heinrich-Straße 36, steht das sogenannte „Witwenpalais“. Das Haus ist eines der drei Gebäude, die heute noch in Ottweiler erhalten sind, die die Handschrift des fürstlich-nassau-saarbrückischen Generalbaudirektors Friedrich Joachim Stengel (1694 – 1787) tragen.

Nachdem um 1730 die einzelnen dynastischen Linien ausgestorben waren, war der gesamte nassauische Besitz vereinigt worden. Unter der Regentschaft der Fürstin Charlotte Amalie teilte man ihn unter den noch nicht volljährigen Brüdern Karl und Wilhelm Heinrich auf. Die rechtsrheinischen Gebiete erhielt der ältere und gerade als volljährig erklärte Karl, die linksrheinischen der jüngere Wilhelm Heinrich.

Im Jahre 1741 hatte der junge Fürst Wilhelm Heinrich (1718 – 1768) die Erbfolge in den nassau-saarbrückischen Gebieten an Saar und Blies angetreten und damit begonnen, Saarbrücken zu einer glanzvollen Residenz auszubauen. Die Oberamtsstadt Ottweiler, bis 1728 Residenz einer Seitenlinie des Hauses Nassau-Saarbrücken, war dadurch etwas benachteiligt. Dennoch blieb Ottweiler weiterhin ein beliebter Aufenthaltsort des Fürsten, und dieser benötigte nach dem Abbruch des Renaissanceschlosses um 1753 eine angemessene Logis. Dieser Tatsache verdanken der Pavillon im Herrengarten und das Witwenpalais ihre Entstehung. Stengel als fürstlicher Generalbaudirektor wurde mit der Planung und Ausführung der Gebäude beauftragt.

Den Namen Witwenpalais bekam das Gebäude in der Wilhelm-Heinrich-Straße von Karl Lohmeyer, der als Autor der bis heute grundlegenden Stengel-Monografie, annahm, dass der Fürst das Gebäude als Witwensitz für seine Gemahlin Sophie Erdmuthe, geb. Gräfin von Erbach, habe errichten lassen.

In zeitgenössischen Quellen ist das Gebäude als „herrschaftliches Haus“ oder „fürstliches Haus“ bezeichnet, das in funktionaler wie in typologischer Hinsicht als Stadtpalais anzusprechen ist. Da es das einzige Stadtpalais ist, das Friedrich Joachim Stengel geplant und gebaut hat, spielt es deshalb innerhalb des Werkes des Baumeisters - unter den Profanbauten nach den Residenzschlössern von Saarbrücken und Dornburg, dem Winterbau am Schloss und dem Jagdschloss Jägersberg in Neunkirchen  - eine wichtige Rolle. Obwohl das Witwenpalais gegenüber den vorgenannten Bauten vergleichsweise klein ist, veranschaulicht es seinen Rang durch seine besondere, für Stengel typische, architektonische Gliederung.

Die Planung ist um 1756 anzusetzen. Nach Aufsetzen des Daches im gleichen Jahr dürfte der Innenausbau fortgeführt worden sein, der möglicherweise 1758/60 beendet war. Karl Lohmeyer beschrieb das Palais als den „bedeutendsten Bau, der nach den Plänen Meister Stengels in Ottweiler errichtet wurde: „Der bedeutendste Bau, der nach Plänen Meister Stengels in Ottweiler errichtet wurde, ist das Witwenpalais, als dessen Erbauungsjahre 1759 und 1760 angesetzt werden müssen. Fürst Wilhelm-Heinrich ließ es für seine Gemahlin erbauen, und diese bewohnte es auch wirklich nach seinem Tode von Zeit zu Zeit, doch residierte sie meistens auf dem Schlosse Lorenzen in der Grafschaft Saarwerden. Das Palais in Ottweiler kam bei der Versteigerung der nassauischen Güter in den Besitz eines alten fürstlichen Beamten, des Oberamtmanns J. C. Haffner, der später als französischer und dann preußischer Friedensrichter und Rat tätig war. Nach ihm wechselte es vielfach den Besitzer, wurde 1863 Post und schließlich Kreishaus."

Es stellt sich als vornehmer roter Sandsteinbau dar, der mit Gurtgesimsen, Lisenen im Erdgeschoss, diesen entsprechen Pilastern mit ionischen Kapitälen in den beiden anderen Stockwerken, gegliedert ist.

Die Pilaster tragen ein prächtig entwickeltes Dachgesims, das wir uns ehedem in eine Balustrade ausklingend denken müssen, die in der Mitte das vermutlich in der Revolution zerstörte fürstliche Wappen trug und sonst mit hohen, von Muschelwerk umspielten Vasen besetzt war, die sich erhalten haben und nun neuerdings wieder auf das Dachgesims gestellt wurden. Die an diesem Palais ausserordentlich breiten Fensteröffnungen sind von zart profilierten, im Stichbogen geschlossenen Gewänden umrahmt, die höchst entwickelte, breit verlaufende Rocailleschlusssteine aufweisen.

Die Fenstergitter aus zierlichem Schmiedewerk sind gleichfalls erhalten und jedes von ihnen stellt einen anderen Entwurf dar. Die Rückfront ist einfacher behandelt, hat aber seitlich ein vorgezogenes Risalit mit Giebelfeld, was Hansen vermuten lässt, dass der Bau ursprünglich größer geplant war. Ein an und für sich interessanter neuer Anbau fügt sich heute nur unwillig in seinen bewegten Formen und mit seinen Türmen und Vorsprüngen an den alten, ruhig vornehmen Bau an, der leider im Innern recht zerstört ist. Hie und da zeigt sich noch das feine Linienwerk alter abgerissener Boisieren in Form von Verschlägen, und ein Zimmer des ersten Stockwerks weist noch einen prächtigen Steinkamin auf, sonst hat der vielfache Besitzwechsel den alten Innencharakter völlig entstellt.

Im Jahre 1889 kam das Anwesen in den Besitz des Landkreises Ottweiler und beherbergt bis heute ununterbrochen das Landratsamt des jetzigen Landkreises Neunkirchen. In diese Zeit fallen auch die ersten tiefgreifenden Umbauarbeiten. Im ersten Obergeschoss wurde ein großer Saal eingebaut. Dazu wurde das niedrige Halbgeschoss, das Mezzanin, sowie die Trennwand von zwei Räumen der Bel-Etage im Hauptgeschoss entfernt. So entstand der heutige „Historische Sitzungssaal“ des Landratsamtes, der für Kreisstagssitzungen, Konzerte und zahlreiche kulturelle Veranstaltungen des Landkreises Neunkirchen genutzt wird.

Öffnungszeiten:
Zu den Bürozeiten der Kreisverwaltung: Mo – Fr. 8:00 – 16:00
oder nach Voranmeldung und während der Stadtführungen
Tel.: 0 68 24 / 906 14 00

Das Witwenpalais - heute Sitz der Verwaltung des Landkreises Neunkirchen