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Stengelkirche in Wellesweiler

Zur Baugeschichte der Stengelkirche in Wellesweiler
(von Architekt Rudolf Birtel, März 1997)

Der Vorgängerbau

Bislang wusste man aus Bauakten, dass die alte ev. Kirche in Wellesweiler einen Vorgängerbau hatte. In den Akten war von einem Turmrest die Rede, der abgetragen und das Steinmaterial in den Bau einbezogen werden sollte.
Durch die Freilegung des Fußbodens der Kirche bei den Sanierungsarbeiten 1995 wurde die Vermutung bestätigt, dass es sich bei dem Vorgängerbau um eine Chorturmkirche handelte. Ein Bautyp, der in benachbarten Orten wie Niederbexbach und Fürth im Ostertal in Resten, in Dörrenbach im Ostertal noch vollkommen erhalten ist.
An der Ostseite eines fast quadratischen Raumes war ein ebenfalls quadratischer Turm angeordnet, in dessen gewölbtem Erdgeschoss der Altar stand. Das Altarfundament im Bereich des Turmes war noch vorhanden.
Nach den neueren Erkenntnissen aus den Forschungen von Dr. Hanns Klein wurde Wellesweiler bereits im Jahr 797 erwähnt. Demnach soll im Bereich der alten Kirche, wenn schon kein Bau aus karolingischer Zeit, zumindest ein Vorgängerbau nachgewiesen werden, der älter als die freigelegte Chorturmkirche sein sollte.
Im Sommer 1995 begann eine Grabungsgruppe unter der Leitung von Frau Christel Bernard mit der „Dokumentation der freigelegten Befunde und mit gezielt angesetzten Grabungen, um Aussagen zur Geschichte des Vorgängerbaus zu gewinnen“.
Das Ergebnis war verblüffend. Wie bei einer Torte zeigte der an das Mauerwerk anschließende Boden mehrere Schichten übereinander liegender Begehungsflächen. Von einem unter der Mauersohle im Grundwasser gefundenen Balken, der wohl als Fundamentrost diente, erhoffte man sich über eine dentrochronologische Analyse, ein Entstehungsdatum zu finden. – Bei dieser Untersuchung werden die Jahresringe des gefundenen Holzes mit den Abbildern von Jahresringen verglichen, von denen das Jahr der Fällung des entsprechenden Baumes bekannt ist. Leider gab es zu der gefundenen Holzart keine Kartei vergleichbarer Jahresringe, so dass eine Datierung nicht möglich war.
Aber in einer der anstoßenden Bodenschichten, einem Lehmestrich, fand man eine Randscherbe, welche vermutlich aus dem 9. oder 10. jahrhundert stammt. Da es unter dieser Begehungsschicht noch mindestens drei ältere nachweisbare Fußböden gibt, muss die Entstehungszeit vor dem 9. bzw. 10. Jahrhundert liegen.
Eine über dem genannten Lehmestrich liegende Schicht zeigt, dass ein Brand stattgefunden hat; wahrscheinlich noch im Hochmittelalter. Da sich diese Brandschicht nicht nur im Schiff, sondern mit einem Höhenversatz von ca. 20 cm auch im Chor befindet, muss der Chor zu dieser Zeit als Raum schon bestanden haben. Aus der Zuordnung der Fundamentmauern untereinander kann man schließen, dass der Chorturm erst im Spätmittelalter angebaut wurde.
In dem bericht zu den archäologischen Untersuchungen vom Juli 1995 schreibt Frau Bernard zum Schluss: „Zusammenfassend kann man sagen, dass eine Gründung der Kirche in karolingischer Zeit zwar nicht gesichert, jedoch aufgrund der oben geschilderten Erkenntnisse keineswegs als abwegig angesehen werden kann“.

Die Stengelkirche

Die Baugeschichte der jetzt durch die Renovierungsarbeiten erhaltenen „Stengelkirche“ ist aus den Akten gut belegt. 1724 war die aus dem 15. Jahrhundert stammende Chorturmkirche soweit verfallen, dass kein Gottesdienst mehr angehalten werden konnte. Bis 1755 fand der Gottesdienst im „Hofhaus“, dem heutigen Junkerhaus, statt.
In den Jahren 1756/57 entstanden die Pläne zu der heutigen Kirche. Da nach der Kirchenordnung für das Genehmigungsverfahren die landesherrliche Verwaltung zuständig war, sind die Pläne wohl in dem für die Bauverwaltung zuständigen Büro des fürstlich-nassau-saarbrück´schen Generalbaudirektors Friedrich Joachim Stengel entstanden. Der Werkmeister Friedrich Joachim Stengels war Karl Abraham Dodel, ihm wird in jüngster Zeit die alte Kirche in Wellesweiler „zugeschrieben“.
Aus den Kirchenakten wissen wir, dass Ende Dezember 1757 die Aufträge an den Maurermeister und den Zimmermann erteilt wurden, und dass die 1758 gebaute Kirche 1540 Gulden, 4 Albus und 6 Pfennige kostetet. Auch erfahren wir Einzelheiten über die Bauausführung aus der Abrechnung: So bestand der Bodenbelag im Gang aus großen massiven Sandsteinplatten, der Belag zwischen den Bänken aus kleinformatigen Keramikplatten. Die Kirche erhält ein Chor mit 3/8-Schluss, der den ehemaligen Chorturm einschließt, der Altar erhält einen neuen Platz in dem um eine Stufe höher angelegten Chor.
Aus den im „krummen Elsaß“, der ehem. Grafschaft Saarwerden, erhaltenen Kirchen aus der Stengelzeit kann man schließen, dass die Kirche eine große Empore in Winkelform hatte. Die heutigen Empore stammt aus der Zeit um 1885, da die barocke Empore einem Brand zum Opfer fiel. Die Orgelempore mit dem Treppenaufgang und der Orgel entstand schon 1862, als ein großzügigrer Spender, der königliche Bergmeister der Grube Wellesweiler, eine neue Orgel stiftete.
Die sonstige Ausstattung ist im wesentlichen erhalten; lediglich der Fußboden im Gang zwischen den Holzpodesten der Bänke und der belag im Chor wurde 1923 erneuert. Bei dieser Fußbodenerneuerung wurden die Grabplatten des Ehepaares Wolfanger, die eine beachtliche Summe zum Bau der Kirche gestiftet hatten, aufgenommen und neben dem Eingang in die Kirchenwand eingemauert.
1960 wird auf dem Gelände neben dem Pfarrhaus eine neue größere Kirche eingeweiht. Die Pläne stammen von dem Architekten Rudolf Krüger aus Saarbrücken.
Die alte Kirche wurde nicht mehr genutzt, nicht mehr gepflegt. Jugendliche, die die Kirche zu Gruppenstunden nutzen, räumen weg was sie stört, die Kirche wird demoliert. Bauschäden, vor allem am Dach, nehmen zu und werden nicht mehr repariert. In den 70er Jahren wurde sogar an den Abbruch der Kirche zur Aufweitung der Straße für den Lastwagenverkehr gedacht.

Die Sanierung

Eine Bürgerinitiative wandte sich gegen den beabsichtigten Verkauf und gegen den Abbruch. Mit Erfolg! Ende der 70er Jahre bis Mitte der 80er Jahre werden kleinere Erhaltungsmaßnahmen durchgeführt, aber die vorübergehende Nutzung als Jugendzentrum führt zu weiteren Schäden im Innern und zur Zerstörung der Orgel.
Um 1990 schafft es das Presbyterium mit dem neuen Pfarrer Christoph König die Beschlussgrundlagen für eine Generalinstandsetzung herbeizuführen und somit ein Erhalt- und Nutzungskonzept aufzustellen.
Die alte Kirche soll als multikultureller Begegnungsraum für die Gemeinde und andere Gruppen zur Verfügung stehen. Ausstellungen, Theateraufführungen und Konzerte werden schon in dem halbfertigen Raum durchgeführt. Die Anmietung der Kirche ist für kulturelle und gewerbliche Veranstaltungen sofort möglich.
Im 1. Bauabschnitt ab 1994 wurden das Dach und die technische Ausstattung erneuert. Nach den Ausgrabungen 1995/96 wurde der Boden und die Empore saniert, die Elektroinstallation erneuert und eine Warmluftheizung eingebaut. Somit kann der Raum schon jetzt für Veranstaltungen genutzt werden.
Im 2. Bauabschnitt 1997 sollen and er Fassade die Bleiglasfenster und Sandsteingewände überarbeitet werden. Der Innenraum wird durch den Anstrich der Putzfläche und die farbliche Ausbesserung der Holzteile ergänzt.
Im 3. Bauabschnitt soll die Kirche durch den neuen Fassadenanstrich ihr neues Kleid erhalten. Das Innere wird durch den Einbau einer Teeküche und WC-Anlage, sowie durch die Fertigstellung der technischen Ausstattung und der Restaurierung der Decke, der Galerie, der Treppen usw. komplettiert.
Um den 3. Bauabschnitt (ca. 150.000,- DM) finanzieren zu können, ist die Kirchengemeinde überwiegend auf Spenden angewiesen.

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